Das Foto von Karin Richert zeigt ein Mädchen,
das ich Anna nenne.
Aufnahme s/w, ein Fahrrad an einer Hauswand, keine Straßenflucht, Pflastersteine, ein Bürgersteig. Anna hockt unweit eines Hauseingangs. Sie liest Buchstaben, Wörter, keinen Fließtext. Sie weiß noch nicht, was sie da liest: HIER WOHNTE, deportiert, ermordet, in den Tod geflüchtet, Geburtsjahre, Todesdaten, Namen.
Anna hockt vor Stolpersteinen, die nicht im Wege stehen. In aller Welt hocken Kinder zum Spielen nieder. In diesem Fall ein unbekanntes Mädchen, keine Chance für ein Phantombild. Anna aber spielt nicht, sie liest Inschriften, beinahe andächtig. Sie liest für alle einen oder zwei Stolpersteine. Theresienstadt. Was heißt das schon – KZ? Der elfte und der letzte Buchstabe im Alphabet.
Kinder lernen. Wir sind das, woran wir uns erinnern. Auch Kinder gingen in Rauch auf – kein Sandkasten, kein Puppenwagen, kein Himmel mehr: Vor meiner Haustür.
(Joachim Rönneper)