Arachne Verlag
 
 
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Das Foto von Karin Richert zeigt ein Mädchen,
das ich Anna nenne.
Aufnahme s/w, ein Fahrrad an einer Hauswand, keine Straßenflucht, Pflastersteine, ein Bürgersteig. Anna hockt unweit eines Hauseingangs. Sie liest Buch­staben, Wörter, keinen Fließtext. Sie weiß noch nicht, was sie da liest: HIER WOHNTE, deportiert, ermordet, in den Tod geflüchtet, Geburtsjahre, Todesdaten, Namen.

Anna hockt vor Stolpersteinen, die nicht im Wege stehen. In aller Welt hocken Kinder zum Spielen nieder. In diesem Fall ein un­­be­kanntes Mädchen, keine Chance für ein Phantombild. Anna aber spielt nicht, sie liest Inschriften, beinahe andächtig. Sie liest für alle einen oder zwei Stolpersteine. Theresienstadt. Was heißt das schon – KZ? Der elfte und der letzte Buch­stabe im Alphabet.
Kinder lernen. Wir sind das, woran wir uns erinnern. Auch Kinder gingen in Rauch auf – kein Sand­kasten, kein Puppenwagen, kein Himmel mehr: Vor meiner Haustür.

(Joachim Rönneper)


»Für mich ist Denkmal ein lebenslager Imperativ, der aus zwei Wörtern besteht«


Der Satz von Fritz Grünbaum steht als Leitmotiv über dem soeben erschienenen Buch
VOR MEINER HAUSTÜR - »STOLPERSTEINE« VON GUNTER DEMNIG
Die Menschen, denen die Arbeit Gunter Demnigs gewidmet ist, zu Wort kommen zu lassen – das ist die Idee des Buches. Es verankert Berichte Gedichte, Erzählungen in unserem Gedächtnis, die Zeugnis geben vom Holocaust. Auch Texte können Stolpersteinen sein.
Vgl. Novitäten

Jeder in Deutschland und anderswo verfügt über ein Wissen, und sei es noch so fragmentarisch, das den II. Welt­krieg und Holocaust betrifft. Und siehe da – Stolpersteine vielerorts! Die Gedenksteine, verankert im Trottoir, erinnern an jene, Nachbarn, Leute, kleine und große, Passanten, Bürgerinnen und Bürger, die wie wir durchs Leben haben gehen wollen.
»Stolpersteine«, bisher 23.000 mal verlegt, bezeichnen ein Kunstprojekt für Europa, das die Erinnerung an die Vertrei­bung und Ver­nichtung der Juden, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homo­­­­sexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig erhält.