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Eri Krippner, aus: »Gedichte – Poèmes«

Lebensrad •
Wenn dein Haar auf der Erde schleift • dreht dich das Rad • auf das man dich band • wieder zur Sonne

Stolpersteine

Gunter Demnig bei der Arbeit

Foto Karin Richert

Die schönste Defin­ition für Stolper­steine kommt von einem Haupt­schüler: »Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen«, sagt Gunter Demnig im Interview mit dem SWR am 15. 12. 2017, dem 25. Jahres­tag, nach­dem er vor dem Kölner Rat­haus den ersten Stolper­stein und seit­dem etwa 63.000 weitere in 21 Ländern in Europa und kürzlich erstmals in Buenos Aires verlegt hat. Mehr

Autoren live

… so »LIVE«, wie es in diesem Frühjahr möglich ist …

Christina Müller-Gutowski liest aus: Tausendundein Ort.
Ihr Leseort ist eine Veranstaltung des Schriftsteller­verbandes zum Thema:
»Schreiben unter Tage – Wie die Herkunft unseren Blick prägt«.

Die Online-Lesung fand am 22. April statt. Eine Aufzeichung ist abrufbar über den Link https://www.twitch.tv/vsschriftstellerverband

Cover »Tausendundein Ort«

Und die Lesung beginnt so:

Eine Geschichte betreten wie eine unberührte Straße. Zögern. Alles ent­steht aus der Lang­samkeit der Bewegung. Gedanken verfertigen sich beim Vorgang des Schreibens, Fahrbahnen erschaffen sich im trägen Fort­schreiten des Straßen­fertigers. Stille stehen, den Boden prüfen, den ersten Schritt tun. Füße rollen sich ab in klitze­kleinen Schuhen, Kinderbeine – im Streck­verband aus Gips zurecht­gebogen – rotieren, fliegen über den Asphalt. Schritte und Tritte im Rausch der Bewegung. Nur von weit hinten die Stimme des Vaters, die zum Stehen­bleiben auf­fordert, die Stimme, ihr Zorn, die Sorge, kaum noch hörbar in der Ferne. (Was ist die Ferne?) Die unbändige Kraft, die im reibungs­losen Kurbeln der Beine liegt, dem Abrollen der Füße, begleitet vom Flügel­schlag des roten Mäntelchens. Nie wieder wird sie auf diese Art und Weise laufen, als ob es um ihr Leben ginge. Aber auf­brechen wird sie, um anzu­kommen, um wieder auf­zubrechen. Weglaufen, den Weg laufen, den Achtel-, Viertel-, Halb- und Marathon. Mit untaug­lichem Schuhwerk starten, die Brust nach vorn in die Ziel­linie werfen, stürzen und wieder aufstehen. (Den Letzten beißen die Hunde.) Lebens­läufe, Lauf­bahnen, Straßen­fluchten: Fliehen vor anderen und sich selbst, im Dauer­lauf, von Ort zu Ort hetzen. Wege der Erinnerung begehen, bei sich ankommen und erfahren, dass Sprache trägt wie Asphalt (griechisch: »nicht trügerisch«). Worte bilden begehbare Ober­flächen: ver­dichtete Silben, zusammen­gepresste Buchstaben, Satz­ketten und Binde­wörter. Sie bringen dich voran in Schuhen, die für lange Wanderungen gemacht sind. Du kannst einen Text durch­schreiten wie eine Allee. Die Parade der Worte abnehmen, die Spalier stehen an den unbe­festigten Seiten­rändern. Voran­schreiten, ja schreiten. Aufrecht und mit wacher Aufmerk­samkeit, um Unfällen vorzubeugen. Es könnten sich ansonsten die Buch­staben vertauschen: das r sich ans Ende ver­schieben, zwischen das e und das n geraten und aus Schreiten würde Scheitern.

Christina Müller-Gutowski

Christina Müller-Gutowski

Christina Müller-Gutowski